Ein Gespräch mit dem Roma Center

Von Micky Caulfield

Im Januar 2021 führten wir ein Interview mit dem Roma Center e.V., einer migrantischen Roma-Selbstorganisation.

Kundgebung nach verhinderter Abschiebung im Göttinger Rosenwinkel am 01. Oktober 2020 Foto: Nico Kuhn

Antiziganismus, die Diskriminierung von Sinti*zze und Rom*nja, hat speziell in Deutschland Kontinuität. Während des Nationalsozialismus wurde ein Genozid an den Sinti*zze und Rom*nja Europas verübt. Es dauerte knapp vier Jahrzehnte, bis der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti*zze und Rom*nja, der Porajmos genannt wird, in der Bundesrepublik Deutschland 1982 als ein solcher anerkannt wurde. Von Entschädigungszahlungen und einer juristischen Verfolgung der Verbrechen ganz zu schweigen. Doch die Vorurteile gegen Angehörige dieser Gruppen sind bereits Jahrhunderte alt – und auch in der heutigen Zeit nach wie vor weit verbreitet. Die Bürgerrechtsarbeit deutscher Sinti*zze und Rom*nja ist so alt wie die Bundesrepublik und noch immer bitter nötig. In Göttingen gibt es mit dem Roma Center eine migrantische Roma-Selbstorganisation. Micky Caulfield hat im Januar 2021 für das ABAG mit dem Roma Center e.V. gesprochen.

ABAG: Liebes Roma Center, schön, dass Ihr Euch Zeit genommen habt für dieses Interview. Was ist das Roma Center und was macht Ihr?

Roma Center e.V.: Das Roma Center ist eine migrantische Roma-Selbstorganisation, die 2006 von Roma aus Jugoslawien in Göttingen gegründet wurde. Wir arbeiten lokal, bundesweit und auch darüber hinaus gegen Diskriminierung und für gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe migrantischer Roma. Wir arbeiten in den Bereichen Antidiskriminierung und Empowerment, Öffentlichkeitsarbeit, Beratung und Gedenken an die Opfer des Porajmos. Seit 2015 haben wir mit dem Roma Antidiscrimination Network (RAN) ein bundesweites Netzwerk aufgebaut, das diese Arbeit vereint.

Wie sieht die Resonanz auf Eure Arbeit in Göttingen aus? Wie werdet Ihr wahrgenommen?

Wie wir wahrgenommen werden, ist an sich nicht wichtig. Wichtig ist, wie die Gesellschaft die Roma-Thematik wahrnimmt. Seit 600-700 Jahren leben Roma in Europa und werden verfolgt. In der NS-Zeit wurden 1,5 Millionen Roma ermordet, was bis heute kaum jemand wahrnimmt. Nach wie vor leben wir in einer Gesellschaft, in der die meisten nicht neben Roma wohnen wollen, in der Roma als Wirtschaftsflüchtlinge stigmatisiert, in der die realen Gründe für Flucht und Migration und die ganze Diskriminierung und Verfolgungsgeschichte ignoriert werden.

"Ein wirklicher Erfolg wäre [...] wenn die Leute endlich Rassismus erkennen könnten und die institutionelle und strukturelle Diskriminierung endet.“ 

Was konntet Ihr für Erfolge erzielen? Wie hat sich die Situation in Göttingen seit der Gründung des Roma Centers 2006 verändert?

Es gab z.B. individuelle Fälle, bei denen die Abschiebung verhindert werden konnte. Das könnte man als Erfolg bezeichnen. Aber ein wirklicher Erfolg wäre eine generelle Verbesserung der Situation, die nicht auf Göttingen und individuelle Fälle beschränkt ist. Wenn die Leute endlich Rassismus erkennen könnten und die institutionelle und strukturelle Diskriminierung endet. Nach wie vor leben hier Roma, die vor den Jugoslawienkriegen geflohen oder nach dem Kosovokrieg vertrieben worden sind und nie einen Aufenthalt bekommen haben. Ihre Kinder sind zum Teil hier geboren und aufgewachsen und sind noch immer nicht sicher. 2006 gab es noch Arbeitsverbote. Das ist heute nicht mehr so, aber dennoch hat der jahrelange Ausschluss von Arbeit und der Möglichkeit, sich weiterzubilden, bis heute Spuren hinterlassen. Prekarisierte Arbeit ist für viele die einzige Möglichkeit. Von Arbeit hängt für viele der Aufenthalt ab. Jetzt in der Corona-Krise ist das ein zusätzliches Problem. Wer seinen Lebensunterhalt nicht sichern kann, verliert gegebenenfalls den Aufenthalt.

Das Roma Antidiscrimination Network (RAN) bietet Diskriminierungsberatung an und sammelt und dokumentiert Diskriminierungsfälle. Wie sieht die Situation gegenwärtig in Göttingen aus?

Unsere Arbeit beschränkt sich nicht auf Göttingen. Hier sieht die Situation ähnlich aus wie andernorts. Es ist allgemein so, dass es viel Misstrauen und Vorurteile gegen Roma gibt. Die Leute wollen zum Beispiel Roma nicht als Nachbar*innen oder als Mitarbeiter*innen haben. Besonders gravierend sind auch die Formen struktureller Diskriminierung, die zum Beispiel dazu führen, dass überdurchschnittlich viele Roma-Kinder in Sonderschulen beschult werden und damit von Anfang an nur sehr beschränkte Chancen für den weiteren Lebensweg haben. Dazu kommen natürlich noch diverse Formen institutioneller Diskriminierung, etwa bei Behörden oder in Form von Racial Profiling.

Göttingen stand im Verlauf des Jahres 2020 mehrfach im Licht der bundesweiten Öffentlichkeit im Zusammenhang mit Coronainfektionen in großen Gebäudekomplexen, so auch das Idunazentrum Anfang Juni 2020. Ihr bezeichnet in einer Pressemitteilung die Berichterstattung dazu als Hetze und kritisiert insbesondere die Stadt. Was ist da passiert?

Wir möchten dazu eigentlich nichts mehr sagen. Unsere Stellungnahme ist auf unserer Homepage nachzulesen.

https://ran.eu.com/hetze-wegen-corona-in-gottingen-breitet-sich-aus/

Vor knapp anderthalb Jahren, am 20. Juli 2019 wurde der Rom Gani Rama,  der zuvor mehrfach aus Göttingen abgeschoben wurde, von einem kosovo-albanischen Nationalisten in Pristina, Kosovo, ermordet. Könnt Ihr uns etwas zu Gani Rama und den Umständen seiner Abschiebungen und Ermordung sagen?

Gani Rama und seine Familie sind, wie der Großteil der Roma in dem Gebiet, nach dem Kosovokrieg geflohen beziehungsweise von der Mehrheitsbevölkerung des Kosovo vertrieben worden. Bei seinen Bemühungen um Aufenthalt in Göttingen hat er immer wieder gesagt, dass er ermordet werden würde, wenn er abgeschoben würde. Dennoch, und obwohl er schwer krank war, ist er dreimal abgeschoben worden, das letzte Mal 2017. Soweit wir wissen, ist der Mann, der ihn ermordet hat, zwar verurteilt, aber nach einem halben Jahr aus der Haft entlassen worden. Ein wesentliches Problem ist, dass die Umstände, unter denen Roma aus dem Kosovo vertrieben wurden, und die Verbrechen, die gegen sie begangen wurden, bis heute ignoriert werden.

https://ran.eu.com/gani-rama-hashim-thaci-und-der-lange-schatten-des-kosovokrieges-2/

Wie kann man Euch und Eure Arbeit unterstützen?

Ein bisschen mehr Solidarität aus den sozialen Bewegungen wäre nicht schlecht.

Wollt Ihr noch etwas Abschließendes sagen?

Alle bleiben!

Danke für das Interview!

Unvollständigkeit der Chronik 

Wie bereits 2019, haben wir auch für das vergangene Jahr 2020 eine Chronik rechter Vorfälle für die Region erstellt. Die Chronik trägt unterschiedliche Formen rechter Aktivitäten zum Zweck der Dokumentation zusammen. Sie ist dahingehend zwingend unvollständig, als dass sie ‚nur‘ die an uns gemeldeten, sowie durch die Presse oder andere Medien dokumentierten Vorfälle enthält, die – davon ist auszugehen – nur einen Bruchteil extrem rechter Vorfälle in der Region ausmachen. 

Für viele Menschen, die (vermeintlich) nicht einer weiß-deutschen Norm entsprechen – sei es durch die Sprache, die sie sprechen, die Kleidung, die sie tragen, ihre Hautfarbe, oder aus anderen Gründen – sind rassistische oder andere diskriminierende Anfeindungen Teil ihres Alltags. Sie melden nicht jedes Mal, wenn jemand sie beleidigt hat, wenn sie angestarrt wurden oder nicht als ein gleichberechtigtes Gegenüber behandelt wurden. Außerdem können Diskriminierungen sehr subtil und zum Teil schwer nachzuweisen sein. Viele Menschen wissen zudem nicht um die Existenz der von uns geführten Chronik, die wir leider bisher auch nur in deutscher Sprache führen können. 

Da einige Formen von Diskriminierung bisher nicht oder unzureichend in unserer Chronik abgebildet wurden bzw. auch nicht abgebildet werden können, haben wir uns dazu entschie- den die jährliche Chronikauswertung in der Hingeschaut! um Interviews lokaler migrantischer Selbstorganisationen bzw. Organisationen von Betroffenengruppen rechter Gewalt zu ergänzen. Auf diese Weise möchten wir die Aufmerksamkeit auf die Perspektiven von Betroffenen rechter Gewalt lenken und versuchen auch die Ebene struktureller Dis- kriminierung mit abzubilden. Mit diesen Interviews verbleiben wir außerdem nicht bei den rechten Vorfällen, sondern wenden die Aufmerksamkeit den Betroffenen und ihrem Einsatz um Anerkennung und Gleichberechtigung zu. 

Wir freuen uns, dass wir dieses Jahr ein Interview mit dem Roma Center e.V. führen konnten.