Geschichten derer erzählen, die fehlen – Namen lernen, die wir noch nicht kennen- Vergessene Todesopfer rechter Gewalt in den 1990er Jahren in und um Göttingen

von Maxi Friedrich

Deutschland im Herbst

Hochkant Foto einer vierspurige Straße in der Nacht in orangefarbenem Straßenlaternenlicht.

Nichts erinnert am Tatort in der Godehardstraße daran, dass hier vor mehr als 30 Jahen Michi Romanowski von Neonazis aus rassistischen Gründen umgebracht wurde. | Foto: ABAG

Die zweite Hälfte der 1980er- und die 1990er Jahre sind als „Baseballschlägerjahre“ in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen. Schwarze Menschen und People of Colour (PoC), wohnungslose Menschen und politische Gegner*innen sowie Menschen, die einer nicht-rechten Jugendsubkultur angehörten oder ihr zugeschrieben wurden, konnten sich nicht sicher in der Öffentlichkeit bewegen. Zivilgesellschaftliche Statistiken zählen allein in Niedersachsen in den Jahren 1990-1999 sieben Todesopfer rechter Gewalt, bundesweit werden 99 Menschen aufgeführt, die in den 1990er-Jahren aus rechten Motiven, meist von jungen Neonazi-Skins, umgebracht wurden. Doch auch die zivilgesellschaftlichen Statistiken zeigen nur einen Teil des Gesamtbildes – drei Menschen, über deren gewaltsamen Tod wir in diesem Beitrag berichten, sind bisher nicht in jenen Statistiken abgebildet. Es ist also davon auszugehen, dass die tatsächlichen Zahlen weitaus höher sind.

Ermöglicht wurde diese Eskalation rechter Gewalt unter anderem durch ihre Verharmlosung und Entpolitisierung durch politische Entscheidungsträger*innen, Behörden und Medien. So wurden etwa Ende der 1980er-Jahre vom damaligen Göttinger Sozialdezernenten junge Neonazis als vermeintlich ungefährliche „Mininazis“ verharmlost oder bundesweit Angriffe neonazistischer Jugendlicher auf migrantische und oder antifaschistische Altersgenoss*innen als Auseinandersetzung zwischen‚ „rivalisierenden Jugendbanden” entpolitisiert. Fortsetzung findet die Entpolitisierung der rechten Morde in der fehlenden staatlichen Anerkennung der politischen Tatmotive heute: Lediglich zwei der mehr als sieben Todesopfer rechter Gewalt in den 1990er-Jahren in Niedersachsen sind auch staatlich als solche anerkannt. In ihrem Gedichtband „blues in schwarz-weiß“ beschreibt die Dichterin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung May Ayim ihre Eindrücke der ‚Neuvereinigung‘: „dort haben/ in diesem und jenem ort/ zuerst häuser/ dann menschen/ gebrannt.“ Die Leugnung des rechten Hintergrundes der Gewalt stellt sie ebenfalls dar: „es ist nicht wahr/ daß es nicht wahr ist/ so war es/ so ist es:/ deutschland im herbst/ mir graut vor dem winter“.

Erinnerungslücke: Rechte Gewalt in und um Göttingen

Geschichte wird gemacht – unter anderem durch Erinnern und Gedenken. Doch an was wird erinnert? Wem wird gedacht und vor allem wem nicht?

Der Name Alexander Selchow ist vielen Menschen in Rosdorf und Göttingen ein Begriff, doch das war nicht immer so.

Querformat Foto von den Zeitungen 'Göttinger Nachrichte' und 'Fight the power' aus den 1990ziger Jahren

Wertvolle Quellen bei der Recherche zu rechter Gewalt (nicht nur) in den 1990er Jahren im Raum Göttingen: Lokale antifaschistische Zeitschriften wie die Fight the power oder die Göttinger Nachrichten des AStAs der Uni Göttingen. | Foto: ABAG

Alexander Selchow, Alex genannt, wurde in der Silvesternacht 1990/91 von zwei Neonazi-Skins umgebracht, weil sie in ihm einen Linken erkannten. In den darauffolgenden Jahren geriet der Tod von Alex und die Tatsache, dass es Neonazis waren, die ihn aufgrund ihrer Ideologie umgebracht haben, mehr und mehr in Vergessenheit. Als sich 2020 die Ermordung von Alex zum 30. Mal jährte, kannten die meisten Rosdorfer*innen seinen Namen nicht. Doch es tauchten antifaschistische Gedenkplakate in Rosdorf auf, auf denen an das Leben von Alex und seinen gewaltsamen Tod erinnert wurde. Die Plakate riefen die Alltäglichkeit rechter Gewalt zu dieser Zeit und die Umstände, die diese ermöglicht und befeuert haben, zurück ins Gedächtnis. Auch die beiden Täter, ihre politischen Ziehväter und Kameraden holten sie aus der Deckung. Durch die Gedenkplakate wurden Anwohner*innen und Lokalpolitiker*innen daran erinnert, dass vor 30 Jahren in Rosdorf ein rechter Mord verübt worden war und es fand sich ein Bündnis zusammen, das es sich zur Aufgabe machte, dauerhaft an Alexander Selchow und den Mord an ihm zu erinnern und sich dafür einzusetzen, dass die Tat endlich auch von staatlicher Seite als rechts motiviert anerkannt wird.

Doch nicht über alle rechten Angriffe und die Menschen, die ihnen zum Opfer gefallen sind, wurden so viele Informationen zusammengetragen und das Wissen über die Jahrzehnte weitergeben. Innerhalb organisierter antifaschistischer Zusammenhänge funktioniert eine intergenerationale Wissensweitergabe bzw. Gedenken nicht immer, aber zum Teil gut. So wird zum Beispiel Conny Wessmann, die 1989 im Rahmen eines Polizeieinsatzes auf einer antifaschistischen Demonstration starb, seit über 30 Jahren von vielen Antifaschist*innen in Göttingen und darüber hinaus gedacht [siehe Hingeschaut Nr. 5, 2025].

Da diese Zusammenhänge aber oft weiß-deutsch dominiert sind und zum Teil wenig Überschneidungen zu migrantischen Selbstorganisationen besteht, ist es nicht verwunderlich, dass bisher wenig Wissen über weitere rechte, rassistisch motivierte Morde in Göttingen und Umgebung aus den 1990er Jahren in antifaschistischen Kreisen und der breiteren Öffentlichkeit vorhanden ist.

Mit diesem Text wollen wir einen Anfang machen, um das zu ändern und – neben dem Gedenken an Alexander Selchow – Informationen über drei weitere, mutmaßlich von Neonazis begangene, tödliche Angriffe aus den 1990er Jahren zugänglich machen. Diese sind bisher im kollektiven Gedächtnis – unseres Wissens nach – verloren gegangen bzw. haben nie Zugang dazu gefunden.

Rosdorf, 1. Januar 1991

Alexander Selchow war ein junger Grufti mit antifaschistischer Haltung aus Rosdorf. Tom Schmidt, ein Freund von Alex, sagt über ihn, dass er „Nazis zum Kotzen fand und alles, wofür Alex stand, das Gegenteil dessen war, wofür Nazis stehen“. Alex mochte Wave-Gothic Musik, zu der er auch gerne tanzte, u.a. in der Discothek Flash in der Nikolaistraße (heute: EinsB), er mochte aber auch Die Ärzte. Alex war ein Familienmensch. Tom Schmidt ist sich sicher: „Wenn Alex nicht gestorben wäre, [hätte] er jetzt eine wahrscheinlich eher große als kleine Familie“.

Alexander Selchow wurde in der Silvesternacht 1990/91 von zwei 17-jährigen Neonazi-Skins angegriffen. Sie waren Zöglinge des damaligen niedersächsischen Landesvorsitzenden der extrem rechten Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP), Karl Polacek [siehe auch Beitrag „Aus dem Bestand“ in dieser Ausgabe]. Die beiden jungen Neonazis waren losgezogen, um „herumschwirrende Linke durchzuklopfen“, als sie in der Friedensstraße in Rosdorf auf Alex und einen Freund von ihm trafen. Alex Begleiter konnte fliehen und holte Hilfe. Die beiden Neonazi-Skins griffen Alex mit einem Messer an und traktierten ihn mit Stiefeltritten gegen den Kopf. Alex verstarb im Klinikum in Göttingen an seinen inneren Verletzungen. Er wurde nur 21 Jahre alt.

Querformat Foto von Menschen, die bei Schnee und Frost auf einem Friedhof stehen

Eröffnung des Alexander Selchow Erinnerungsweges im November 2022 in Rosdorf. Eine Station des Weges ist Alex Grab auf dem Rosdorfer Friedhof. | Foto: alexander-selchow.de

Für Tom Schmidt hat der Tod seines Freundes Alex „eine Leerstelle und ein Loch [verursacht], dass am Anfang eine Wunde gewesen ist, die unendlich wehgetan hat, die ganze Zeit“. Er sagt, dass „das Fehlen von Alex immer Teil meines Lebens“ bleiben wird.

Im August 1991 begann der Prozess gegen die beiden Täter vor dem Landgericht Göttingen. Der Haupttäter wurde zu einer Strafe von sechs Jahren Jugendhaft verurteilt, wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge, nicht – wie von der Staatsanwaltschaft gefordert – wegen Totschlages. Der Mittäter wurde lediglich zu vier Wochen Dauerarrest wegen gemeinschaftlich begangener Körperverletzung verurteilt. Tom Schmidt bewertet diese Urteile retrospektiv als einen Justizskandal. Alex Vater kommentiert das milde Gerichtsurteil für die beiden Neonazis, die seinen Sohn getötet haben, bei einer Gedenkdemonstration für seinen Sohn im Jahr 1993 mit den Worten: „So einfach ist es, wenn man Skin ist.“

30 Jahre nach dem Tod von Alex hat sich, wie eingangs beschrieben, in Rosdorf eine Gedenkinitiative gegründet. Diese schreibt in ihrer „Rosdorfer Erklärung“: „Es ist uns unverständlich, warum der Mord an Alexander Selchow durch rechtsextreme Täter immer noch nicht als politischer Mord eingestuft wird.“ – und fordert eine Korrektur dieses Missstandes. In einem Brief an die Innenministerin des Landes Niedersachsen, Daniela Behrens (SPD), aus dem Jahr 2023 fragt die damals 90-jährige Mutter von Alex, Helga Selchow, warum ihr Sohn von staatlicher Seite nicht als Opfer rechter Gewalt gezählt wird. Lange musste Helga Selchow auf eine Antwort warten. Eine wirkliche Erklärung konnte die Innenministerin ihr in ihrer Antwort jedoch nicht geben.

Für die An- und Zugehörigen von Ermordeten ist es oft wie ein Schlag ins Gesicht, wenn das rechte Tatmotiv von Polizei und Justiz ignoriert wird und die Gründe, warum ihre Lieben getötet wurden, in weiten Teilen der Öffentlichkeit nicht gesehen werden. Auch Alex Vater, der aus Italien kommt, war angesichts dessen „total fassungslos, er konnte nicht verstehen, dass in einem Land wie Deutschland, wenn Nazis seinen Sohn töten, das nicht als Gewalt von Nazis zählt“, sagt Tom Schmidt. Für Schmidt selbst ist „es ist eine der allerwichtigsten Sachen, dass Alex als Opfer von Nazigewalt anerkannt wird“.

Göttingen, 21. Mai 1993

Querfoto eines Chronik Eintrag zum rassistischen Angriff am 21.Mai 1993

Die bisher einzigen uns vorliegenden schriftlichen Zeugnisse des tödlichen rassistischen Angriffs auf Michi Romanowski in den Chroniken rechter Vorfälle in den Zeitschriften Fight the power und Göttinger Nachrichten. | Foto: ABAG

Michael, genannt Michi, Romanowski wohnte in Göttingen. Er wurde in Salzgitter-Lebenstedt geboren und mit nur 10 Monaten von seiner Göttinger Mutter, Ilka Ewald, adoptiert. Michi war eine Person of Colour und wurde mehrfach, z.B. in der Disco, von Neonazis bedroht. Nach seinem Schulabschluss hat er einen Wehrdienst in einem ostdeutschen Bundesland absolviert, weil er gerne Hubschrauberpilot werden wollte. Er war glücklich darüber, die Prüfung dafür bestanden zu haben. Über Christi Himmelfahrt 1993 war Michi zu Hause in Göttingen. Am Freitag, dem 21. Mai ging er zusammen mit zwei Freund*innen, alle drei nicht weiß, auf das Frühlingsfest auf dem Göttinger Schützenplatz. Auf dem Rückweg vom Fest überquerten Michi und seine Freund*innen die Fußgänger*innenbrücke über die Godehardstraße, als ein Kleinbus die Straße entlang fuhr. In diesem Fahrzeug saßen Neonazi-Skins, bewaffnet mit Baseballschlägern. Als sie die Gruppe um Michi auf der Brücke sahen, hielten sie an und gingen auf sie los. Vier Neonazis griffen Michi und seinen Freund, dessen Familie aus der Türkei kommt, mit Baseballschlägern an. Die Freundin der beiden konnte fliehen und holte die Polizei. Die Neonazi-Skins konnten nach der Tat mit ihrem Kleinbus unerkannt fliehen. Michis Freund erlitt durch den Angriff eine offene Platzwunde und wurde in einem Rettungswagen behandelt. Michi selbst hatte keine sichtbaren äußeren Verletzungen und nahm sich ein Taxi nach Hause. Was er nicht wusste war, dass er durch die Schläge einen Schädelbasisbruch erlitten hatte. Er kam in seiner Wohnung in der Rehbachstraße an, setzte sich auf sein Bett, zog einen Schuh aus und starb an den erlittenen Verletzungen. Auch Michi ist nur 21 Jahre alt geworden.

Querfoto eines Chronik Eintrag in der Zeitung 'Göttinger Nachrichten' zum rassistischen Angriff am 21.Mai 1993

Die bisher einzigen uns vorliegenden schriftlichen Zeugnisse des tödlichen rassistischen Angriffs auf Michi Romanowski in den Chroniken rechter Vorfälle in den Zeitschriften Fight the power und Göttinger Nachrichten. | Foto: ABAG

Ilka Ewald, Michis Mutter, sagte später, in einem Gespräch 2022, zu dem rechtsmotivierten Mord an ihrem Sohn: „Was ich im Nachhinein am allerschlimmsten finde: Kein Mensch hat sich gekümmert, ist dazwischen gegangen oder hat irgendwas gemacht. Denn es war ein großes Fest, da waren viele, viele Leute unterwegs. Dass so etwas passieren kann, das ist mir so unbegreiflich.“ Niemand der anwesenden Besucher*innen griff ein oder rief auch nur den Notarzt und die 110. Bis heute fragt sich Ilka, warum die Polizei und die Sanitäter*innen Michi nicht ins Krankenhaus gebracht haben. Es wäre ihre Verantwortung gewesen sicherzustellen, dass er angemessen medizinisch versorgt werden würde – nach einem Angriff mit Baseballschlägern. Wer weiß, ob er nicht überlebt hätte, wäre der Schädelbruch im Krankenhaus festgestellt worden.

Die AngreiferInnen wurden nie für die Tötung Michael Romanowskis und die Verletzung seines Freundes zur Rechenschaft gezogen. Wie gründlich und umfangreich die Ermittlungsarbeit der Polizei gewesen ist, können wir nicht sagen. Ob die Personalien der bei der Tat anwesenden Passant*innen von der Polizei aufgenommen wurden und sie zu Zeug*innenaussagen vorgeladen wurden, ist unbekannt. Laut dem Eintrag in einer Chronik rechter Gewalt seit 1992 verschwieg die Polizei den rechtsradikalen Hintergrund der Tat zunächst. Die Identität der TäterInnen wurde nie festgestellt. Das Nummernschild ihres Kleinbusses soll nicht zu erkennen gewesen sein, sodass sie – begünstigt durch die Untätigkeit der anderen Anwesenden – unerkannt fliehen konnten. Das Ermittlungsverfahren gegen sie wurde eingestellt, es kam nie zu einer Gerichtsverhandlung. Für Ilka ist vor allem die Wirkung, die die Straffreiheit für die MörderInnen ihres Sohnes hat, fatal: „Wer weiß, wem sie noch alles etwas angetan haben. Wenn sie einmal mit so einer Untat durchkommen, dann ist eine Hemmschwelle weg. ‚Uns erwischt ja doch keiner‘, und das finde ich so furchtbar.“

Ilka ist wichtig, dass der rassistisch motivierte, tödliche Angriff auf ihren Sohn nicht in Vergessenheit gerät: „Solche Dinge werden zu schnell vergessen. So lange wir nicht versuchen, es im Gedächtnis der Menschen zu halten“, hätten die Nazis gewonnen. Denn „die Rechten, die Nazis, die machen den Mund auf, die brüllen und die Opfer sind meist still“ – oder werden nicht gehört. Nach dem Tod an Michi gab es eine große, vom Deutschen Gewerkschaftsbund organisierte Demonstration zu seinem Gedenken. Doch seitdem erinnert nichts an den tödlichen rechten Angriff auf Michael Romanowski 1993 in Göttingen.

Nach der Tat war Ilka, wie sie sagt, „innerlich erstarrt, ich hab immer gedacht, Mensch, das kann doch nicht wahr sein. Einfach nur sein anderes Aussehen hat ihn umgebracht.“

Göttingen, 19. April 1994

Querformat Foto der Chronik aus der Zeitschrift 'Göttinger Nachrichten'

Laut der Chronik rechter Aktivitäten in den Göttinger Nachrichten wurde der Brand in dem Wohnhaus Lange-Geismar-Straße 50 in Göttingen am Vorabend des 20. April 1994, also am 19. April gelegt. In der Chronik “Jeder ist uns der Nächste” in der Konkret wird die Tat auf den 20. April, den ‘Führergeburtstag’ datiert. | Foto: ABAG

Unbekannte TäterInnen haben in den Abendstunden des 19. April 1994 einen Brandanschlag auf das Wohnhaus einer türkischen Familie in der Langen-Geismar-Straße 50 in Göttingen verübt. Laut Zeitungsangaben konnte die Feuerwehr den 26-jährigen Ehemann aus dem Flammen retten. Die 20-jährige Ehefrau hatte versucht, ihren zweijährigen Sohn und sich selbst in einem Toilettenraum vor dem Feuer zu schützen. Als die Feuerwehr sie fand, musste sie wiederbelebt werden und wurde zusammen mit dem Kind mit einer schweren Rauchvergiftung in die Universitätsklinik Göttingen gebracht. Am Freitag, dem 29. April 1994 ist sie um 07:15 Uhr ihren Verletzungen erlegen. Der zweijährige Sohn schwebte zu dem Zeitpunkt noch in Lebensgefahr. Ob er überlebt hat, wissen wir nicht.
Auch ist unbekannt, ob die Ermittlungen der Polizei zu einem Erfolg geführt haben und ob der oder die TäterInnen für ihre Tat jemals zur Rechenschaft gezogen worden sind.
Da wir bisher nichts über die TäterInnen wissen, kann keine Aussage über die Tatmotive gemacht werden. Laut Zeitungsangaben steht die Brandstiftung im Zusammenhang mit einer Reihe von Brandanschlägen in der Innenstadt und das Mehrfamilienhaus in der Langen-Geismar-Straße 50 soll überwiegend von Deutschen bewohnt worden sein. Die Polizei halte „ausländerfeindliche Motive des Anschlags für unwahrscheinlich“, ist in der Konkret zu lesen. Dass dieser Einschätzung in den meisten Fällen nicht vertraut werden kann, ist eine Lehre, die wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit ziehen müssen. Denn es gibt Tatumstände: Die Auswahl der Opfer, Tatzeitpunkt und -mittel, die die Vermutung nahe legen, dass die Tat sehr wohl rassistisch motiviert war.

Der 20. April, an dessen Vorabend der Brand gelegt wurde, ist ein wichtiger Tag in neonazistischen Kreisen und kann als ein Kulminationspunkt rechter Gewalt beschrieben werden. Der ‚Führergeburtstag‘ gilt als ein ‚Feiertag‘, der von jungen und alten Nazis mit Alkohol, nationalsozialistischer Musik und rassistischen Parolen, Hitlergrüßen und Gewalt begangen wird. Einige Beispiele: Zur Vorbereitung auf den 100. Geburtstag Adolf Hitlers 1989 hatte sich 1984 eigens das Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers (KAH) gegründet. In Hamburg wurde im Vorfeld des 20. Aprils 1989 ein Flugblatt in die Briefkästen von Menschen mit Migrationsbiografie eingeworfen, in dem Neonazis dazu aufriefen, an dem Tag migrantische Einrichtungen anzugreifen, sodass der 100. Geburtstag Adolf Hitlers zu einer „zweiten Reichskristallnacht“ für Migrant*innen werde. Am 20. April 1987 feierte eine Gruppe von Neonazis den Geburtstag Adolf Hitlers auf dem Northeimer Marktplatz, unter ihnen auch der junge Thorsten Heise, dabei wurden zwei Männer türkischer Herkunft durch Messerstiche und CS-Gas verletzt. Auch die folgende Tat wurde am 20. April begangen.

Gieboldehausen, 20. April 1994

Querfoto aus der Zeitschrift 'Konkret 6/94 mit Antwort der Bundesregierung der Drucksache 13/22126. Einzelne Textstellen sind gelb hervorgehoben

Die bisher einzigen Dokumentationen des Brandanschlages auf die Geflüchtetenunterkunft in Gieboldehausen im Landkreis Göttingen am 20. April 1994 bei der ein Mensch gestorben ist. | Foto: ABAG

Am 20. April 1994 starb ein Mann bei einem Brand in einer Geflüchtetenunterkunft in Gieboldehausen bei Göttingen. Laut der Antwort auf eine Anfrage der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) im Bundestag zu „Tötungsdelikten mit zu vermutender oder tatsächlicher fremdenfeindlicher und/oder rechtsextremer Motivation im Jahr 1994“ stand der Vorwurf im Raum, dass das Opfer den Brand selbst gelegt haben soll.

Wir wissen bisher nichts über den Menschen, der an diesem Tag in Gieboldehausen in den Flammen der Geflüchtetenunterkunft umgekommen ist. Ebenso wissen wir nichts darüber, wie das Feuer entstanden ist und ob es Brandstiftung war oder nicht. Was wir jedoch wissen ist, dass es im Kontext rechter Gewalt sehr häufig zu einer Täter-Opfer-Umkehr kommt. Die rassistischen Ermittlungen zu der rechtsterroristischen Mordserie des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) sind dafür ein erschütterndes und trauriges Beispiel.

Die Tatsache, dass es eine Geflüchtetenunterkunft war, in der ausgerechnet am ‚Führergeburtstag‘ ein Feuer ausbricht, legt die Vermutung nahe, dass der Brand aus rassistischen Motiven herbeigeführt worden ist.

Die Morde dem Vergessen entreißen: Für Erinnerung und Veränderung

Die Gegenwart wird durch die Vergangenheit bedingt und schreibt sie gleichzeitig aus ihrer heutigen Perspektive um. Geschichte wird gemacht – und wenn niemand die Geschichte rechter Gewalt und ihre Kontinuität erzählt, so ist sie zur Wiederholung verdammt. Auch wenn Erinnerungsinitiativen, wie beispielsweise die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, mit ihrer unermüdlichen Arbeit viel erreicht haben, so bleibt doch noch sehr viel zu tun. Auch heute noch wird rechte Gewalt nicht als solche erkannt, verharmlost und entpolitisiert. Alexander Selchows Freund Tom Schmidt kommt dahingehend zu einem ernüchternden Urteil: „Es ist 30 Jahre her und es hat sich nicht viel getan. Nazis töten immer noch Menschen in Deutschland und keiner möchte es wissen oder es wird von Einzeltätern gesprochen.“ Er möchte,
dass an Alex erinnert wird, an den Mord an ihm durch zwei Neonazis-Skins, und dass Alex endlich auch vom Staat als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt wird. Er möchte aber auch, dass Alex nicht nur als ein Opfer gesehen wird, dass „Alex nur der Typ ist, der von Nazis ermordet worden ist“. Tom Schmidt wünscht sich, dass Alex als der gesehen wurde, der er war – nämlich unter anderem als „der Typ mit […] [dem er] ein bis zwei Mal die Woche Pen and Paper Rollenspiele gespielt“ hat.

Um die Fehler der Vergangenheit, das Wegschauen, das Entpolitisieren, die Straffreiheit und das dadurch bei den TäterInnen entstehende Ermächtigungsgefühl nicht zu wiederholen, ist Erinnerung an rechte Gewalt und das Gedenken an Opfer rechter Gewalt unerlässlich – und bitter notwendig. Eine Gruppe von Journalist*innen um Heike Kleffner und Toralf Staud, die seit Langem zu Todesopfern rechter Gewalt in Deutschland recherchieren, schreibt 2025, dass die Statistiken darauf hindeuten, „dass eine neue Welle rechtsextremer Gewalt droht […]: 2024 registrierten die Sicherheitsbehörden fast ein Fünftel mehr Gewalttaten als 2023. In diesem Jahr reißen die Meldungen über Brandanschläge, rassistische und queerfeindliche Angriffe und Überfälle auf alternative Kultur- und Jugendzentren nicht ab.“ Auch heute noch töten Neonazis, auch heute noch feiern sie den 20. April. Etwa 2018 im sächsischen Ostritz: Thorsten Heise hatte am ‚Führergeburtstag‘ zum „Schild und Schwert Festival“ (kurz: SS-
Festival), einem Kampfsport- und Rechtsrock-Event der extrem rechten Szene, eingeladen. Bei der im Rahmen des Festivals stattfindenden Kampfsportveranstaltung „Kampf der Nibelungen“ wird die Ausübung rechter Gewalt auf der Straße im Ring geprobt und zur Schau gestellt.

Aber auch heute noch können Neonazis vor Gericht stehen, die vor über 30 Jahren einen rechten Mord begangen haben. In Saarlouis etwa wurde Peter Werner S. im Oktober 2023 vom Oberlandesgericht Koblenz u.a. wegen Mordes und versuchten Mordes zu einer Haftstrafe von sechs Jahre und zehn Monate verurteilt. Er hatte 1991 einen Brandanschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft in Saarlouis verübt. Bei der Tat starb der 27-jährige Samuel Kofi Yeboah aus Ghana. Dem Täter sind nach über 30 Jahren nicht die Ermittlungen der Polizei zum Verhängnis geworden, sondern sein eigener Stolz: Er prahlte auf einem Grillfest mit der Tat. Auch in Saarlouis wurden damals die Bewohner*innen der Geflüchtetenunterkunft selbst verdächtigt, für das Feuer verantwortlich zu sein.

Lasst uns gemeinsam mehr Wissen über die in diesem Artikel benannten Taten zusammentragen. Lasst uns die Namen lernen, die wir noch nicht kennen, die Geschichten derer erzählen, die bisher fehlen.

Kein Vergeben! Kein Vergessen!

Wenn ihr etwas über die rechten Gewalttaten in diesem Artikel oder andere rechte Gewalt-
taten aus den 1980er- und 19990er-Jahren wisst, euch an den Mord an Michi Romanowski erinnert oder selbst zu dem Mord an ihm oder den beiden Brandanschlägen am 19. April 1994 in Göttingen und am 20. April 1994 in Gieboldehausen recherchieren wollt, schreibt uns gerne eine Mail an:

kontakt@antifaschistisches-archiv.org